Das neue Sehen, das neue Senden

BBC#81 am 22.09.2021

 

In der letzten BBC haben wir uns u.a. mit Veränderungen im allgemeinen und insbesondere mit den zu Ende gehenden Präsentationsformen in der Kunst beschäftigt.


 

Orte des Sehens

Man kann als Künstler im Fernsehen seine Werke zeigen oder es kann über einen berichtet werden. Das Fernsehen selbst ist aber nicht wirklich ein Ort der Kunst, sondern noch viel schlimmer überhaupt ein Ort der schrumpfenden Wahrnehmung.

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland und Österreich teils unter 10 % gesunken sind, könnte man auf die Idee kommen, die Sendungen eigentlich gleich direkt zu verschicken. Aber wie steht es denn überhaupt mit der Kunst im Fernsehen? Angesichts der Leute in den Führungsetagen der Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kann man davon ausgehen, dass sie mit bildender oder medialer Kunst relativ wenig zu tun haben.

Aber letztlich ist beides nicht wichtig, denn wir haben es hier mit einem gravierenden paradigmatischen Wechsel zu tun, der die Karten neu mischt und manches künftig vom “Bild” verschwinden lässt, was eher einer Disrumption gleichkommt.


 

Filmkunst in dunklen Sälen

So musste man die frühen, meist etwas “längeren”, abstrakten und vor allem körperlich anstrengenden Experimentalfilme damals durchwegs im Kinosaal anschauen. Und auch die Medienkunst-Festivals der 80er und 90er Jahre fanden letztlich auch im Dunkeln statt. Die narrativ dominierte Filmwelt und die dem Meditativen zugeneigte Kunstwelt haben sich bekanntermaßen noch nie verstanden, unvergessen die vielen experimentellen Kinovorführungen, bei denen das Publikum reihenweise den Saal verlassen hat. Denn man konnte ja nicht - wie später in den Ausstellungen - einfach mal weitergehen, oder wie noch später beim Fernsehen, umschalten.

Nicht zuletzt war es das Ende, das der Zeit, wie ja auch Godard bereits 1967 in seinen Film “Weekend” im Abspann konstatierte, “Das Ende der Geschichte, das Ende des Kinos“. All diese Verschiebungen der Rezeption sind nicht ohne Folgen geblieben, und haben festgeschrieben, dass die Heimat des Films das Kino ist, welches wie das Fernsehen meist der Unterhaltung dient. Also keine Rede von Kunst.


 

Medienkunst in hellen Sälen

Nachdem also das neue, letztlich aus der bildenden Kunst kommende Genre der sogenannten zeitbasierten Medien entstanden ist, war die Zeit der Museen mit ihren “Fernseh-Kojen” und “Kopfhörer-Installationen” gekommen. Aber auch das verlief bis heute nicht immer harmonisch, brachte doch das lautstarke Nebeneinander verschiedene Störeffekte mit sich.

Und dann gab es da auch allerorts (noch in den 90ern) die anarchistischen “FernsehPiraten”, die quasi “von unten” Sendefrequenzen besetzten, oder überhaupt das Fernsehen oder fernsehähnliche Frequenzen für sich beanspruchen wollten. Auch wir haben damals mit unserem Fernsehprojekt sowohl im Rahmen einer Ausstellung als auch im Kontext einer Veranstaltung (World Tea Party) auf der Frequenz des WDR gesendet. Letztlich hat sich unsere Motivation nie aus dem Politischen oder Anarchischen genährt. Wir wollten schon immer ästhetisch anspruchsvoll, gleichzeitig versteckt und geheimnisvoll auf Sendung gehen.


 

Künstler als Schöpfer und als christliche Metapher

Kunst als komplexes Bezugsfeld, das mit sehr viel Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit besetzt wird, lehrt, dass Zweifel nicht das Wesen der Kunst ausmachen. So bemüht Arnulf Rainer nicht besonders schöne Übermalung, sondern produziert quasi gestisch und in einem fort, um es immer wieder zu übermalen und zu übermalen. Auch ein Nitsch, ein On Kawara malen quasi immer wieder untersuchend, sozusagen tanzend, ironisierend oder fragmentarisch. Und ein Werk, aktuell eben Christos wirft die Frage auf wie man so ein Konzept fortsetzt, dessen Schöpfer nicht mehr da ist quasi posthum. Allen aber geht es nicht um die Idee oder diesen Irrtum in der “Verherrlichung des Schöpfers”.

Gute Kunst ist einfach und ein gutes Video ist das auch, vor allem durch und in der Reduktion der Werkzeuge der Erzählung.

So wie der Anthropologe Jean Rouch, der in seiner Trilogie eine Forscherexpedition in die Antarktis auf dreierlei Arten “erzählt”: als Experimental-, als Dokumentar- und als Spielfilm. Dabei hat er quasi in verschiedenen Stilen, oder wie er selbst sagte, mit verschiedenen Stiften gemalt. (Camera stylo, Jean Rouch)

Auch wir zeichnen mit und in verschiedenen Stilen, die wir oft gleichzeitig produzieren, aber getrennt zeigen. Damit folgen wir auch der zunehmend kürzeren Aufmerksamkeit, die ein fragmentarisches Sehen bewirkt. Und dieses stellt sich nicht mehr den alten Kriterien von Qualität und Auswahl. So wird nicht mehr nur das Ganze als Maßstab für Wesentliches und Wertvolles gesehen, und der Rezipient wird nicht mehr permanent zur Demut aufgefordert, indem er die gesamte Komposition, quasi die ganze Geschichte der Schöpfung, wahrnehmen muss. Denn die Kunst handelt vor allem vom Selbst, und hier von einem fragmentarischen, spielerischen Tänzeln.


 

Was aber wird?

In der Schnelllebigkeit der Ereignisse, der Kurzlebigkeit von Präsentationen und der Menge von Kulturproduzenten kann man den Schluss ziehen, dass die Zukunft den Teams gehört, so wie die japanische Kunstgruppe Teamlab, die riesigen Ausstellungen konzipieren und die ihre magischen, hoch attraktiven und immersiven Bilderwelten vor allem auch über Social Media vermarkten.


 

Auch 10001fern.sehen nutzt die Strategien des Social Media, nicht nur als Dokumentation, sondern als das was es schon immer und eigentlich war und ist. Als Idee von etwas, das überhaupt sendet und ursprünglich besteht, egal ob es viele oder wenige sind, die unser fern.sehen sehen. Und so wird es immer ein künstlerisches Prinzip bleiben, bis zum Jahre 10001.

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