• kh0039

Die Wirklichkeit in der Unwirklichkeit

BBC#47 am 2.12.2020

Das Eigene

In unserer letzten Blackboard Conference wurden die verschiedenen Entdeckungsreisen zum „Eigenen“ , bei der ja meist nur wenige ankommen, untersucht,

Im Eigenen, dieser komplizierten wie auch wichtigen Grundlage für das Kunstschaffen, das man beispielsweise in den Übermalungen Rainers, in den Schüttbildern eines Nitsch, in der sozialen Plastik eines Beuys oder in den ermalten Landschaften eines Richters und in noch so viel mehr findet, ist dieser forschende Impetus des Eigenen anzutreffen.

Es scheint also, dass man sich wie in einer Pirsch im Nebel auf die Lauer legen muss, um sich selbst zu entdecken, während manche mit ihrer nach Außen getragenen Selbstfindung provozieren.


Der Ort der Entfremdung

Aber gerade durch das Betrachten von Entfremdung oder „Fremdleistung“ können möglicherweise Erkenntnisse über das Eigene geschöpft werden. So lassen eben „dienstleistende Auftragsarbeiten“ erkennen, welche Kapazitäten man in andere investieren möchte. Schon bei den Medici war das Porträtieren - meist auch des Auftraggebers - selbstverständlich. Künstler (oder seine Werkstatt) mussten damals wie heute Geld verdienen, und diese Art der Dienstleistung verlangte großteils sowohl die sachgemäße Durchführung wie auch die vorübergehende Auflösung des damals ja noch kaum entwickelten Eigenen (l’art pour l’art).

Während die heutige Start-Up Szene (vornehmlich im Bereich der Creative Industries) grundsätzlich davon auszugehen scheint, dass das Eigene in der Umsetzung von Dienstleistungen oder Produktideen für die Gesellschaft besteht, lebt der künstlerische Selbstverwirklicher vom Eigenen als Marke. Insofern also bringt das eine das Geld, während es das andere kostet.

Aber selbst wenn die Findung des Eigenen abgeschlossen sein sollte, gibt es diese „verführerischen Angebote“ der Wirtschaft oder von Sponsoren, durch Dienstleistungen wirksam „reich“ zu werden. Allerdings mussten auch wir im Zuge von Auftragsarbeiten öfters erfahren, dass in „der Welt der Auftraggeber“ stets nur die Dienstleistung zählt, und der innere “eigene Auftrag“ darin nicht honoriert wird.


Der Ort des Eigenen

Der Ort des Eigenen hingegen ist selten greifbar, oft verschleiert, und meist unentdeckt, geradezu versteckt hinter einer Kulisse, die sich gerade heute in den diversen Social Media-Plattformen erkennen lässt. Dort ist sie dann die Heimat des Fremdschämens, der unbeauftragten Teilnahme an merkwürdigen „Diskursen“, die die Welt meist in zwei Hemisphären teilt, wie sie schon Umberto Eco in seiner Abhandlung „Apokalyptiker und Integrierte“ treffend beschrieben hatte.

Die eine Welt nämlich ist die der liberalen auf rosa Wolken schwebenden, naiven Ja-Sager, eine Art sanftmütiger Neohippies, die Katzenbilder, Mittagessen und schöne Reisebilder posten, und nicht selten einer Kunst folgen, die sich im Guten, Wahren und Schönen spiegelt - alles ist schön, gut, sozial und ohne Widerstand. Hier gibt es keinen Bösewicht, und wenn, dann ist dieser - wie in einem Computerspiel klar zu erkennen - grimmig, vernarbt mit der Einbrechermütze auf dem Kopf. Von ihnen ist jedenfalls mehr Begeisterung für die nette unaufgeregte und wärmende „Wollkunst“ zu erwarten, als eine Begeisterung für die künstlerische Avantgarde.

In der Gegenwelt wiederum ist alles höchst fragwürdig, zweifelhaft und immer kompliziert. In dieser Welt des Konflikts schweben die kritischen Geister, die immer für alle sprechen, über unseren Köpfen. Diese andere Form der in die Jahre gekommenen Hippies führen ihre intensiven Diskussionen über das Unheil und das Wesen der Dinge, hartnäckig und immer um jeden Preis. Viele von ihnen sind fallweise auch in beiden Welten. Letztlich aber nie bei sich zuhause. Ihr Thema ist die Welt, die Aller oder der Anderen, nie aber das wirklich „Eigene“. Und so kämpfen sie mit der Oberfläche des Daseins in vorgegebenen, geschmäcklerischen oder widerständigen Auseinandersetzungen und innerhalb intensiver „sozialer“ Ablenkungsmanöver, die letztlich nur eines zu wollen scheinen: nicht an sich selbst glauben zu müssen.


Die Idee der Kunst

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, Theodor W. Adorno aus „Minima Moralia“

Für die Gesellschaft ist ja (bildende) Kunst meist etwas fragwürdig Freies und Diffuses, etwas umfassend Eigenes, dessen Ergebnis und Mechanismen weitgehend undurchsichtig bleiben. Darum orientieren sich alle logischerweise an den Kriterien des Erfolgs, die dann als Maßstab des Künstlerdaseins herhalten müssen.

Auch im Kunststudium, dass ja im Grunde das Eigene entdecken bzw. fortschreiben soll, sieht man sich ja maßgeblich mit dem Prozess der Selbstfindung konfrontiert. Darum bestimmt es später sein ganzes Handeln und bleibt Kunst, Erfolg hin oder her. Oder anders gesagt, der Erfolg ist für diese Akrobaten des Eigenen nicht ausschlaggebend und stellt sich ja in vielen Fällen auch gar nicht zwingend ein. Das bedeutet eben Kunst zu machen, in der Freiheit, diese auszuüben, gleich, ob man es nun will, kann oder angeblich muss.

In der Sonderform der Art Brut, der Kunst der Geisteskranken bzw. gesellschaftlichen Außenseitern, stellt sich die Frage der „Freiheit“ ja im Übrigen aus einer ganz anderen Sicht, nämlich in Verbindung mit einem angeblichen Heilungsprozess oder durch bestimmte Zwänge. Nicht selten ist hier von einer „zustandsgebundenen Kunst“ auszugehen, bei der mit den Zuständen auch das Künstlerdasein verschwindet. Aber selbst dann zeigt sich, dass Kunst „zeitlimitiert” ohne „Erfolg erfolgen“ kann, und dass, wer Kunst macht, einfach Künstler ist.


Die Idee der Wirklichkeit

Der Film versteht sich ja als bevorzugtes Medium möglicher Wirklichkeitsabbildungen, also des richtigen Lebens, auch und besonders eben auch im Bereich der Fiktion. Diese quasi gut erfundenen Geschichten, die auf wahren Tatsachen beruhen, sind der wahre Stolz der Autoren und der Fernsehanstalten, wie der kürzlich gezeigte Film „Wiener Blut“. Dieser Film, der einen Terroranschlag am Wiener Hauptbahnhof thematisierte, wurde jedoch genau an dem Tag seiner TV-Ausstrahlung von der Wirklichkeit eines tatsächlichen Terroranschlags in Wien eingeholt. Diese freilich unglückliche Koinzidenz zeigt auf brutale Weise, wie die Realität die Fiktion überholen kann. Dem Sender - in diesem Fall dem ZDF - war das sicherlich auch mehr als unangenehm, weshalb darauf kaum eingegangen wurde.

Ein anderes sehr dramatisches Beispiel war die Übertragung die Exekution des rumänischen Diktators im Zuge eines Schauprozesses im Jahre 1989 im rumänischen Fernsehen. Das österreichische Fernsehen brachte damals Szenen dieser Hinrichtung in den Abendnachrichten.

Diese Beispiele zeigen anschaulich und drastisch anhand der Funktionen des Fernsehens und deren bewusster und gezielter Anordnungen die scheinbar archetypische Neigung, die Sensationslust an einer Live-Realität in den Mittelpunkt eines „Nachrichtenkonzept von Höhlenbewohnern“ zu stellen. Vor allem gegenüber erfundenen Wirklichkeiten, die ein Zusammentreffen mit realen Tatsachen gar nicht zulassen.


Zeitgenössische Kunst und insbesondere unsere Idee eines fern.sehens aus der Zukunft misstraut naturgemäß dem Zeigen jener Wirklichkeit, die sich von realen Konzepten leiten lässt und daher eben immer mehr oder minder brutal in Tatsachen „wirkt“. So haben wir uns schon seit langem aus einer gelebten Abwesenheit davon in eine ferne Zukunft verabschiedet, in der wir für uns als Ort des Eigenen jene „Wirklichkeiten erfinden“, die nur den Blick in und aus der Ferne kennen.

3 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
 
  • Facebook
  • Instagram
  • Vimeo

©2020 DIE BIBLIOTHEKARE Wien