• Mr. X

Kunstmusketiere im rhizomatischen Geflecht

Aktualisiert: 14. Nov 2020


Die Blackboard Conference unternahm diese Woche einen kleinen Zeitsprung, einerseits zurück in die 1980er Jahre zur Gründung einer österreichischen Filmzeitschrift, andererseits zu einer laut Peter Weibel aktuell überholten „Erfindung des 20 Jahrhunderts“: der Idee des Massenevents.


Das Filmlogbuch

Es war etwa Mitte der 1980er Jahre. Die Produktionsbedingungen im ausgehenden Zeitalter des Zelluloids waren hart und schwierig, Kunst war im Niemandsland, und für den jungen, experimentellen Filmemacher boten sich wenig Möglichkeiten, wobei auch das Fernsehen außer künstlerisch limitierten Journalismus nichts zu bieten hatte. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, vielleicht sogar die Notwendigkeit, eine neue Sicht auf den Film zu entwickeln. Film als Landkarte zu verstehen, als Landschaft, als einen neuen dynamischen Kontinent, der zunächst in weitläufigen Expeditionen erkundet werden muss. Aus diesen Überlegungen und aus einem meist im Kaffeehaus durchgeführten Seminar an der Uni Wien entstand damals die Filmzeitschrift „Filmlogbuch“. Die kleine Gruppe Filminteressierter, die sich dort wöchentlich versammelte, entwickelte den „Diskurs“ zu einer dialogischen Projektionsfläche eben dieser cineastischen Expeditionen, die sich dann letztlich zur Idee des „Filmlogbuchs“ formte. Zur allgemeinen Überraschung fand dieses Vorhaben relativ breite Unterstützung und Anerkennung, weshalb es in sehr kurzer Zeit gelang, dieses Projekt umzusetzen. So wurde bereits im Mai 1985 in Wien die Zeitschrift „Filmlogbuch“ aus der Taufe gehoben und im Rahmen einer Präsentation im Kinocenter „Molière“ (vor rund 2000 Gästen) vorgestellt. Dabei wurde auch jener Film gezeigt, der im Mittelpunkt der ersten Ausgabe und des Diskurses stand und der, wie das Heft auch, damals offenbar den Nerv der Zeit getroffen hatte: der Film „Sans Soleil“ von Chris Marker. 

Im Verlauf der weiteren Redaktionsarbeit zeigten sich aber dann deutliche Bruchlinien zwischen den verschiedenen cineastischen Schwerpunkten und Positionen, und das scheinbar „basisdemokratische Format“ sollte Randthemen wie „Medienkunst“ und „Film als Kunst“, auf die man anfangs gesetzt hatte, zunehmend verdrängen. Außerdem geriet die Idee dieser „offenen Reise zu den Eckpunkten eines anderen Kinos“ zunehmend in den Hintergrund.  

Die Notwendigkeit, die Herausgeberposition und eine Blattlinie zu definieren, war zu spät erkannt und dann in zermürbenden Diskussionsprozessen aufgeweicht worden. Schließlich sollte wieder das cineastische „Art House Kino“ in den Vordergrund gebracht werden.

Auch der Versuch, diese Zeitschrift mit professionelleren Vertretern auf eine breitere Basis zu stellen, scheiterte und so ereilte dieses Projekt nach ca. einem Jahr ihr logisches Ende.  

Diese Entwicklung - eine unter so vielen - beschreibt vor allem die in dieser Zeit vorrangigen Schwierigkeiten in Österreich, gesetzte Grenzen aufzubrechen und vor allem lieber dem „untergehenden Film“ statt den damals „Neuen Medien“ eine Bedeutung zu verleihen.

Medien wirklich sinnvoll miteinander zu verbinden, von Kunst, Film bis hin zu Design, wie es die deutsche Zeitschrift „Wolkenkratzer“ exemplarisch vorzeigte, war international sehr wohl ein Thema und wurde auf eine spezielle Art auch in Andy Warhols „factory“ intensiv verwirklicht. 


Die Ideologie der Nähe

Laut Peter Weibel, Medienkünstler und vor allem Medientheoretiker, ist die Ideologie der Nähe und die Idee der Masse am Ende.

Für Weibel ist die Idee der Massenevents eine Erfindung des 20. Jahrhunderts und vor allem eine industrielle, die es erlaubt, Konsum und Erfolg zu maximieren. Was auch dazu diente, den Einzelnen in der Anonymität der Massen unsichtbar zu machen, ja ihn quasi aufzulösen, „ohne Person“ zu sein.

 Früher, also in vorindustriellen Zeiten, hatte die Technik gefehlt, die ganze Stadien mit Konzerten oder Fußballspielen füllte, weshalb es auch kaum derartige Massenveranstaltung gab. Wenn nun - coronabedingt - im Fußball nur noch ein fachkundiges Publikum überbleibt (wie schon länger im Tennis), steht das Spiel und die Expertise im Vordergrund und weniger das Ausleben dumpfer Emotionen, die ja ohne Frage durch derartige Events auch begünstigt werden. 


Spektakel 

Für Peter Weibel, für den ein Rolling Stones Konzert besser zuhause „stattfindet“, haben diese Art der Veranstaltungen in der sich abzeichnenden „Fern-seh-Gesellschaft“ mittlerweile ihr Ende gefunden.

Auch der dauerhaft Katastrophen nach sich ziehende Massentourismus findet aktuell sein vorläufiges Ende. In diese „alte Normalität“, also diejenige, die die Meere verschmutzt, die Städte überfüllt, und die eine finanzielle Abhängigkeit entstehen lässt, in diese Normalität will man also zurück, um im Gefühl der Masse durch Viele eine angebliche Nähe entstehen zu lassen.

Diese sogenannte „Normalität“ könnte sich also vielleicht doch wandeln und so etwas wie den „Hang zur kleinen Herde“ hervorbringen. Denn nur eine kleine, überschaubare „Herde“ vermag es, etwas Persönliches, etwas wie Disziplin, oder wie Wissen zu entwickeln. 

 In der Bildenden Kunst ist es relativ einfach, sich von Menschenansammlungen zu absentieren. Abgesehen von den großen Ausstellungshäusern mit ihren Mega- Kunstinszenierungen, will zeitgenössische Kunst nicht mit der Masse verhandelt werden. Im Sinne einer „intimen Auseinandersetzung“ wendet sich naturgemäß der Künstler sehr oft vom Spektakel ab und lässt vielmehr seine Kunst „für sich“ sprechen. 


Rhizom

Die philosophische Bedeutung des Rhizoms definiert sich als eine flache, unhierarchische Organisationsform, die in die Breite wächst und nicht in die Höhe, ohne Hochrechnung, ohne Erwartung einer viralen Verbreitung. Damit ist es auch sowas wie das Gegenteil einer Dynamik, das Immer-mehr-Wollen, das vermeintliche Ergebnis von mehr Klicks, mehr Follower, mehr Geld, mehr von Allem, von einer „Mehrheitsgesellschaft“. 

Für 10001fern.sehen ist es das Bild eines eigenen interagierenden Kunstgeflechts, bei dem die Rollen von Akteur und Zuschauer verschwimmen. Und eines, bei der „der Natur der Kunst“ ihren freien Lauf gelassen wird, und zwar egal wohin. Denn mit 10001 ist bereits eine Ferne erreicht, aus der heraus wir wie die letzten aufrechten schwertlosen Musketiere dafür kämpfen, weiter in Ruhe gelassen zu werden.

#Kunstgalerien #klein #In #beliebt

7 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
 
  • Facebook
  • Instagram
  • Vimeo

©2020 DIE BIBLIOTHEKARE Wien